Langeleben

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Langeleben – Der Anfang

Auszüge aus dem Festschrift „Farewell to Langeleben“.

1951 war der Kalte Krieg bereits im vollen Gange. Die Westalliierten begannen, sich ernsthafte Sorgen über die häufigen, grenznahen Großmanöver der WGT-Truppen zu machen. Man befürchtete, eine dieser Übungen könnte als Tarnung für die Vorbereitung eines groß angelegten Angriffs auf Westdeutschland genutzt werden.
Die britische Besatzungsmacht, zuständig für den Norden Deutschlands, sah sich dadurch zur Einrichtung grenznaher Abhörposten veranlasst.
Als Teil der Britischen Rheinarmee (BAOR) hielt das 1. Drahtlose Fernmelderegiment in Münster, Westfalen, die elektronische Wache über die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD), (später Westliche Gruppe der Truppe (WGT)). BAOR gegenüber, auf der Norddeutschen Ebene stand die mächtige mit Hauptquartier in Magdeburg 3. Stoßarmee,. Nördlich von Magdeburg befindet sich einer der größten Truppenübungsplätzen in Ostdeutschland, die Letzlinger Heide.

Die nächstgelegene Teileinheit des 1. Drahtlosen Fenmelderegiments war der in Hildesheim stationierte 101. Drahtlose Fernmeldezug, aber dieser Standort war eigentlich zu weit entfernt, um eine elektronische Beobachtung aus nächster Nähe durchzuführen. Von Hildesheim aus suchte ein kleiner Spähtrupp nach einem geeigneten Standort. Auf Langeleben, bei Königslutter am Elm in Landkreis Helmstedt fiel die Wahl.

Langeleben ist eine kleine Ortschaft auf dem Elm-Höhenzug, zwischen Helmstedt und Braunschweig, die etwa 15 Km von der damaligen Zonengrenze liegt. Bereits 1948 hatte man im Elm bei Königslutter eine Kuppe für Zwecke der Luftbrücke verwendet und man entschloss sich, dieses günstig gelegene Gelände nun für die neuen Zwecke zu nützen. Noch stand ein Wellblechschuppen mit Stromquelle auf dem Feld. Nicht weit entfernt auf dem Drachenberg hatte eine Amerikanische Einheit ihre Zelte aufgeschlagen (die heutige Sendestation Drachenberg der Deutschen Bundespost).

Langeleben liegt auf dem vorderen (östlichen) Gefälle des Elms. Hier standen das Kindererholungsheim des Landkreises Helmstedt (bis 1985, jetzt ein Altenheim), die Försterei Langeleben und ein Ausflugslokal, die „Waldwirtschaft“. Das waren die einzigen Gebäuden. Kürze Zeit später, 1952, ließ die Jugendabteilung der SPD hier ihr „Falkenheim“ bauen (heute, zusammen mit der ehemaligen „Waldwirtschaft“ eine Jugendherberge). Auf der anderen Straßenseite stehen die Ruinen eines Jagdschlosses der Herzöge von Braunschweig. Zum Dorf Lelm sind es 3 Kilometer.

Das war Langeleben, und seit dem Tag in März 1951 als die erste Versuchsgruppe des 101. Drahtlosen Fernmeldezugs ihre Zelte aufschlug hat sich nicht viel geändert.

Die Lebensbedingungen waren sehr einfach, um es kurz auszudrucken. Die ersten Frühlings- und Sommermonate im Freien waren bestimmt angenehm, aber im Winter…
In Oktober wurde das Wetter kalt und nass, mit tagelang anhaltendem Regen. Heizung gab es nur im Wellblechschuppen (jetzt als Küche ausgelegt) und in den Funkwagen. Die Betten wurden feucht, Kleidung nass, schon beim Anziehen klebten am Körper Unterwäsche und Strumpfe; der Boden in den Zelten war ein Meer aus Schlamm, die Stiefel wurden mit weißem und grünem Schimmel beschichtet. Husten und Erkältungen breiteten sich aus und die Stimmung sank. Nur ungern wurde die Gruppe zurück nach Hildesheim beordert, weil einsatzmäßig das Langeleben-Unternehmen ein großer Erfolg war. 1952 wurde der Standort wieder besetzt.

Die erste Holzbaracke wurde für das Wachpersonal errichtet. Dieses bestand aus ausländischen Zivilisten der Mixed Service Organisation (MSO) für hilfswillige so genannte „heimatlose Ausländer“- die meisten waren entweder Jugoslawen oder Polen. Viele davon konnten kaum deutsch und noch weniger englisch sprechen. Sie träumten wahrscheinlich von einem neuen Leben in den USA. Die, die mit ihnen wach halten mussten, lernten sie gut kennen, und können bestätigen, sie waren echte Exzentriker. Ab und zu tritt einer davon in betrunkenen Zustand seinen Dienst an; einmal mindestens musste unfreiwillig der beschwipste Herr mit Hilfe der Zivilpolizei nach Hause gebracht werden. Im Großen und Ganzen waren sie aber sehr zuverlässig und waren tolle Kumpels. Der letzte dieser Truppe ging 1984 in Ruhestand.

Im Jahre 1955 wurden die ersten Holzbaracken für Unterkunft und Küche errichtet. Der Abhöreinsatz fand in einer Zentrale aus rückwärts-zusammengeparkten Funkwagen statt, später wurde eine Überdachung aus Wellblech gebaut. Die Mannschaftsunterkunft war sehr einfach. Zum Waschen benutzte man braune Stahlschüsseln, die einzige Badewanne stand auf einem Betonboden. Da es keine Kanalisation gab, zog man einfach den Stöpsel und das Wasser floss über den Boden. Man leerte die Stahlschüssel auch direkt auf den Boden. Alternativ könnte man nach Königslutter fahren und ein Bad für 50Pf. nehmen.

Um die Aborte zu benützen durfte man nicht sehr penibel sein. Diese bestanden aus Stahlfässern, die einmal die Woche geleert wurden. Nach etwa drei Tagen sollte man sie nur dann aufsuchen, wenn es unbedingt nötig schien. Auch die Küche war nicht besonders gut. Essen für über 100 Mann, fünf Mal am Tage wurde unliebevoll von den drei Köchen vorbereitet. Glücklicherweise, hatte die nahgelegene „Waldwirtschaft“ eine ausgezeichnete Küche. Den Offizieren ging es etwas besser – sie waren in der „Waldwirtschaft“ untergebracht, aßen aber zusammen mit den Unteroffizieren im Camp.

Unterhaltung war ein Problem. Ohne einen Busdienst nach Königslutter musste ein Fahrdienst mit LKW eingeführt werden. Der LKW brachte am frühen Abend die Unterhaltungslustigen nach Königslutter, und fuhr spät Nachts an den Wirtshäusern vorbei, um die Soldaten aufzusammeln. Die älteren Einwohner Königslutter erinnern sich an diese nächtliche Prozedur mit offensichtlicher Zuneigung.

Um sich etwas kostengünstiger auszulassen, konnte man Sport treiben. 1957 übernahm die Fußballmannschaft den Spielplan der 3. Mannschaft vom FC Königslutter. Der Wechselschichtdienst bedeutete, jedoch, dass die gleiche Mannschaft höchst selten zweimal nacheinander auftritt. Das berühmteste Mitglied dieser Mannschaft war natürlich Gordon Banks, später Torhüter der Englischen Weltmeister 1966, aber hier als einfacher Kraftfahrer der Fernmeldetruppen. (Gordon heiratete eine Frau aus Königslutter).Über die Jahre spielten andere Langeleber Soldaten regelmäßig in den Königslutteraner Fußball-Mannschaften.

Beliebtestes Wirtshaus in Königslutter war das "Deutsche Haus“, wo Bier eine Mark kostete. Wer knapp bei Kasse war, konnte zu "Schumann“, wo man nur 50Pf für sein Bier berappen musste. 1955 waren die großen Hits in Musik-Boxen "Rock around the Clock“ und "Yellow Rose of Texas“. Das bevorzugte Bier war meistens "Gala-Pils“, ein Gebräu, das in den frühen 70-er Jahren nach Übernahme durch die Feldschlösschen-Brauerei verschwand.

Während des Ungarischen Aufstands 1956 war die Einheit in voller Alarmbereitschaft. An einem Samstagabend kam der Befehl, die Einheit zu sammeln. Der Unteroffizier vom Dienst, ein Unteroffizier der Zahlmeistertruppen, musste durch die Stadt fahren, um die Truppen aus den Wirtshäusern zu holen. Schließlich ist es ihm mit Mühe gelungen, genug Soldaten zusammenzutrommeln, um die Evakuierung der Dienststelle vorzubereiten, während die Köche unter Kommando des Unteroffiziers vom Dienst eine Verteidigungsstelle aufbauten. Kurze Zeit danach wurde aber die Entwarnung gegeben.

Allmählich wurde die Ausstattung des Camps etwas besser. Eine kleine Bierstube mit Musikbox wurde eingerichtet, zusätzliche Waschräume mit Badewannen und Duschen wurden gebaut. Viermal die Woche wurde ein Spielfilm gezeigt.

Der Sold wurde alle zwei Wochen vom Zahlmeister ausgezahlt, eine Mischung von Deutschmarks und British Armed Forces Special Vouchers (BAFSVs) – Sondergutscheine, die nur in Einrichtungen der Britischen Streitkräfte als gültiges Zahlungsmittel anerkannt waren.

Weihnachten war eine besondere Zeit in Langeleben. Eines Tages, kurz vor dem Fest, blickte der Kommandeur aus seinem Fenster heraus und staunte nicht schlecht, als er einen Pferdewagen sah, der schwer beladen mit Fässern und Kisten die Straße Richtung Camp hinauf kämpfte. Der Schreibstuben-Feldwebel teilte ihm mit, dies sei die Weihnachtsbestellung für die Truppen. Der Kommandeur ließ die Ware in einer Garage bis Heiligabend unter Schloss und Riegel aufbewahren. Die Stuben wurden festlich geschmückt, und die Beste erhielt als Prämie eine Flasche Gin. Der Bierkutscher lieferte jeder Baracke ein Fass Bier, und musste jedes feierlich anzapfen. Glücklicherweise kannten seine Pferde den Weg nach Hause.

Langeleben zu erreichen war nicht leicht. In den 50-er Jahren, musste man mit Schiff von Harwich nach Hoek van Holland fahren, dann auf den Britischen Militärzug umsteigen, der bis nach Berlin fuhr. Der Zugkommandant war immer verdutzt, als der Zug in Königslutter anhielt, wo ein Paar Soldaten ausstiegen, über die Gleise liefen, kletterten über die Mauer und stiegen in einen wartenden Lkw (wenn sie glück hatten, und der Lkw nicht etwas weiter entfernt vor der Bahnhofsgaststätte stand).

1957 wurde aus dem 101. Drahtlosen Zug das 2. Schwadron (Kompanie), 1. Drahtloses Regiment. Regimentshauptquartier war bei Mönchengladbach. Kurze Zeit danach wurde dieses zum „Fernmelderegiment 13“ (13th Signal Regiment) umbenannt.

(Fortsetzung folgt….)

© John Richardson 2008

 

Last updated 26 January 2012

 

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